Praktikum 2010 in…R1 Reiterhof bei Almancil

Praktikum auf dem Reiterhof mit Touristischem und Therapeutischem Reiten

Bei der Auswahl eines geeigneten Platzes für das Praxissemester bestand meine persönliche Priorität darin, ein Unternehmen zu finden welches mir die Möglichkeit bieten würde, die aus meinem Beruf als Reiseverkehrskauffrau  erlernten Fähigkeiten einzubringen, darüber hinaus jedoch die Gelegenheit geben würde eine physische Arbeit auszuüben.  Aus diesem Grunde habe ich für meinen Studiengang einen eventuell untypischen Praktikumsplatz gewählt. Das Land Portugal habe ich ausgesucht, da es mich seit Jahren schon dorthin gezogen hat. In Verbindung mit einem englischsprachig geführten Unternehmen und der Gelegenheit mein Englisch zu verbessern, und nicht zuletzt der Leidenschaft für Pferde, war das Riding Centre für mich die beste Wahl, die ich für mein Praxissemester hätte treffen können.
Ich war untergebracht im Haus „Casa dos Pinheiros“ dem Wohnhaus der Eigentümerin des Reitstalls. Dort stand mir ein Zimmer mit einem eigenen Bad zur Verfügung, die Küche und das Wohnzimmer des Hauses waren Gemeinschaftsräume die Besitzerin mit den Studenten teilte. Meine Arbeitswoche umfasste fünf Arbeitstage. Die Arbeitszeiten betrugen vor der Saison bis ungefähr Juni 08:00 – 12:00 Uhr und von 14:00 – 16:00 Uhr, ab Juli 07:00 – 11:00 und von 16:00 – 20:00 Uhr. Es wurde aber recht selten wirklich zeitig Feierabend gemacht, da dieser Job einfach kein „9 to 5“-Job ist.
Dieses Praktikum wurde mit Kost und Logis, EUR 50,- die Woche sowie Reitstunden oder Reitausritten vergütet.
Das Riding Centre ist in Portugals Urlaubsregion Nummer eins gelegen. Die Algarve bietet traumhafte Strände mit fantastischen Felsformationen, eine mediterrane bis subtropische Vegetation, ein ursprüngliches Hinterland und nicht zuletzt 3000 Sonnenstunden im Jahr.
Die Infrastruktur ist an der Küste bestens ausgebaut. Es wird überall Englisch gesprochen, Deutsch nur teilweise.

Das  Riding Centre wurde 1985 gegründet und ist ideal für einen Reiturlaub gelegen. In der unmittelbaren Umgebung findet man unberührte Pinienwälder mit schönen Sandwegen, teilweise offenem Terrain umgeben von Blumen und Kräutern. Ein großer Vorteil ist die Nähe zum Strand der viele Touristen anzieht. Leider ist es in der Sommersaison nicht möglich direkt am Strand zu reiten, da die Strände an der Algarve mit der „Blauen Flagge“ ausgezeichnet sind. Dies bedeutet unter anderem: Keine Tiere am Strand. Es ist allerdings möglich durch die Landschaft des Ria Formosa Naturparks zu reiten. Dieses Naturparadies erstreckt sich über 60 km an der Küstenlinie der Algarve.
Das Angebot des Pinetrees Riding Centres richtet sich an die Gäste der umliegenden gehobenen Unterkünfte. Dies sind entweder Kunden aus den Hotels oder Kunden die Villen mieten. Dies sind zu etwa 80% Briten, zu 12% Iren und zu 8% Portugiesen und Deutsche.
Meine Basisaufgaben bestanden darin, die jeden Tag notwendige Stallarbeit auszuführen.
Vor allen anderen nötigen Aufgaben, die auf dem Reiterhof zu erledigen sind, hat der Kunde immer Vorrang. Meine kundenbezogenen Aufgaben bestanden aus:
–    Buchungen annehmen telefonisch als auch persönlich
–    Begrüßen von Kunden
–    Behilflich sein beim Anziehen der Reitausrüstung
–    Preislisten herausgeben, Informieren und Beraten von Kunden am Telefon, sowie persönlich

Eine Hauptaufgabe auf der Tagesordnung war das Führen von Pferden während der Reitstunde. Gerade Anfänger dürfen unter keinen Umständen alleine reiten. Diese Aufgabe sieht für einen Beobachter ziemlich einfach aus, ist aber sehr verantwortungsvoll.
Eine Aufgabe die sehr wichtig ist, die jedoch nicht zu meinen Hauptaufgaben gehörte, war das Verteilen von neuen Preislisten und wichtigen Informationen an die Rezeptionen der umliegenden Hotels.
Je routinierter ich in Bezug auf meine Aufgaben und die Arbeitsprozesse wurde, überließ Frau Gibbons mir vermehrt die Teamleitung. Ich war zum Beispiel für die am Vormittag zu erledigenden Arbeiten „in charge“. Eine andere Aufgabe die ich zu organisieren hatte, war einen Picknick Platz für die Pferde eines Ausrittes vorzubereiten. Es wurden Halbtagesritte angeboten, die eine gesamte Reitdauer von mindestens drei Stunden beinhalteten.
Einmal durfte ich an einem Vollmond Ritt teilnehmen, der quasi genauso abläuft nur um 18 Uhr startet, und den Strand kurz vor dem Sonnenuntergang erreicht, und den Teilnehmern die Möglichkeit bietet das wundervolle Licht des Abends zu genießen. Man macht sich wieder auf den Heimweg, wenn es dunkel ist und der Mond hoch am Himmel steht. Ein unglaublich schönes Erlebnis!

Wenn ich die Zeit Revue passieren lasse, und ein wenig über das Praxissemester nachdenke, kann ich nur sagen, dass diese Erfahrung für mich einmalig war. Ein geheimes Ziel für mich war es herauszufinden, ob ich für ein Leben im Süden geeignet bin. Heute weiß ich: Ja, unbedingt! Ich kann mich mit dem Leben in einem südlichen Land sehr gut identifizieren. Die Zeit in Portugal und das Praktikum an sich hat mir so gut gefallen, dass ich meinen Aufenthalt um drei Wochen verlängert habe.
Wenn ich Leuten erzähle, dass ich mein Praxissemester auf einem Reiterhof absolviert habe, schauen diese etwas verwirrt, vielleicht sogar etwas belustigt. Denn eventuell ist es nicht etwas was man von einem International Tourism Management Studenten erwartet. Doch muss ich dem hinzufügen, dass ich noch in keinem meiner bisherigen Tätigkeiten im touristischen Bereich, wie im Reisebüro oder beim Reiseveranstalter so viel von Management mitbekommen habe, wie in dem Riding Centre. Im kleinen Stil vielleicht, aber wie sonst hat man die Möglichkeit Unternehmensprozesse mitzubekommen, und sogar selbst zu üben, weil man die Verantwortung übertragen bekommt? Mein Wissen kann ich transferieren. Ich habe eine Idee bekommen, warum die Planung und die Koordinierung des Personals so wichtig sind, warum das Personal sich dem Chef gegenüber korrekt verhalten, und der Chef den Mitarbeiter nicht überstrapazieren sollte. Ich weiß was ein Saisongeschäft ist und warum der Leistungsdruck in der Hauptsaison größer ist; warum Mitarbeiter sich im Sommer über ihr Gehalt beschweren und warum sie dieses nicht erhöht bekommen. Warum es ein Zeitmanagement gibt und warum eine Aufgabe lieber fünfzehn Minuten zu früh, als zu spät erledigt sein sollte. Ich habe gelernt was Verantwortung und Vertrauen bedeutet und dass man dieses schätzen sollte. Ich habe verstanden, warum Kunden so wichtig sind und warum es sich lohnt die Kundenbeziehungen zu pflegen. Auch warum es sich lohnt, lokalen Netzwerken beizutreten und auf Veranstaltungen Präsenz zu zeigen, obwohl man gar keine Lust dazu hat. Nicht zuletzt habe ich gelernt- mehr denn je zuvor, was es bedeutet in einem Team zu arbeiten. Wie sehr jedes einzelne Teammitglied auf die restlichen Teammitglieder angewiesen ist.
Zu einer bestimmten Zeit habe ich mich in einer witzigen Position wiedergefunden. Ich stand mittendrin als ein Neutrum, zwischen den Angestellten und der Chefin. Diese haben mich akzeptiert und mir ihre persönlichen Probleme im Unternehmen mitgeteilt, ich wusste jedoch um die Problematik der jeweiligen Gegenseite, und ich konnte beide Seiten nachvollziehen. Zu der Zeit habe ich gemerkt, dass ich das Prinzip der Arbeitswelt, zumindest auf sozialer Basis erfasst habe. Ein sehr gutes Gefühl.
A.M.

©Arco Largo